Image Authismustherapie in Frühförderstelle Harburg

Autismus-Therapie

Liebe Eltern

Wenn Sie sich Sorgen machen, dass Ihr Kind nicht spricht und nicht wie andere Kinder spielt und Kontakt aufnimmt, können Sie sich zu einer Erstberatung bei uns anmelden. Wir schauen Ihr Kind an und besprechen mit Ihnen, ob die Beantragung einer Heilpädagogischen Förderung, einer Autismus-Therapie oder andere Maßnahmen ratsam sind.

Die Interdisziplinäre Frühförderstelle Harburg hat mit der Hamburger Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration (BASFI) eine Vereinbarung nach § 75 Abs. 3 SGB XII über Autismus-Therapie abgeschlossen.

Autismus-Therapien sind Leistungen zur Teilhabe (gem.§ 54 Abs.1 SGB XII) oder Leistungen zur angemessenen Schulbildung. Sie können für alle Kinder mit einer Diagnose oder einer Verdachtsdiagnose aus dem Autismus-Spektrum beantragt werden.

Alle Informationen hierzu finden Sie im folgenden Therapiekonzept.

Therapiekonzept Autismus-Therapie der Interdisziplinären Frühförderstelle Harburg

A. Anliegen und Auftrag

Im herkömmlichen System heilpädagogischer Frühförderung wechseln bei jeder Veränderung der Lebenswelt (Eintritt I-Kita, Eintritt Schule) die Zuständigkeiten und damit die therapeutischen Bezugspersonen.

Diese Wechsel stellen für Kinder aus dem Autismus-Spektrum aber ein besonderes Problem dar. Sie sind zu ihrer Orientierung auf eine gut strukturierte und verlässliche Umgebung angewiesen. Sie benötigen individuelle Hilfen, um sich in ihrem Alltag sicher zu fühlen und zurechtzufinden. Darüber hinaus benötigen sie auch gezielte Hilfen, um an ihrer Umgebung aktiv teilhaben und Neues lernen zu können.

Unser Anliegen:

Unser Anliegen im Rahmen der Autismus-Therapie ist es deshalb das Kind und seine Familie kontinuierlich und besonders auch in Zeiten äußerer Veränderungen (Kitabeginn, Kitawechsel oder Schulbeginn) als vertraute Bezugspersonen zu unterstützen.

Unser Auftrag:

Autismus-Therapien sind Leistungen zur Teilhabe. Sie sollen die Folgen einer drohenden oder vorhandenen Behinderung mildern und ein möglichst selbstständiges, aktives Leben in der Gemeinschaft ermöglichen.

Unser Auftrag ist es u.a. an folgenden Prozessen mitzuwirken (Auszug aus dem Vertrag mit der BASFI über Autismus-Therapie):

  • Eingliederung des Kindes entsprechend seiner Möglichkeiten und seines Alters in die Gemeinschaft
  • Dem Kind die soziale Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft zu ermöglichen oder zu erleichtern
  • Aufklärung und Sensibilisierung des sozialen Umfeldes
  • Erreichen weitest gehender Selbständigkeit
  • Entlastung des hochbelasteten Familiensystems sowie des (erweiterten) Bezugssystems zur Vermeidung desintegrativer Entwicklungen

B Leitbild

Unsere Arbeit mit autistischen Kindern richtet sich nach dem gleichen Menschenbild und den gleichen Grundsätzen wie alle andere therapeutisch-pädagogische Arbeit in unserer Frühförderstelle:

  1. Respekt vor den individuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen des Kindes
  2. Die Therapeutische Beziehung ist die Basis zum Lernen
  3. Aktive Teilhabe am Leben in der Familie und im Umfeld ist das Ziel.

Bei Kindern aus dem Autismus-Spektrum gibt es bei diesen Grundsätzen einige Besonderheiten, die wir im Folgenden beschreiben:

1. Respekt vor den individuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen des Kindes

Kinder aus dem Autismus-Spektrum können ihre Fähigkeiten und Bedürfnisse nicht auf die uns vertraute Weise ausdrücken und es kostet uns ein besonderes Wissen und eine größere Anstrengung, sie zu erkennen und zu verstehen.

Ein Grund dafür ist die unterschiedliche Verarbeitung von Wahrnehmungen, die wir mit unseren Sinnen aufnehmen. Nur weil wir ohne nachzudenken akustische und visuelle Reize um uns herum (Lichter, Gegenstände, Geräusche, Stimmen …) in Vordergrund und Hintergrund (jetzt wichtig oder jetzt unwichtig) sortieren, können wir uns z.B. auf eine an uns gerichtete Frage konzentrieren und auf sie antworten.

Autistischen Kindern ist dieses Sortieren in Vorder- und Hintergrund nicht auf die gleiche Weise möglich. Die Menge ungefilterter Sinneseindrücke, die auf sie einströmt, überfordert die Kinder. Deshalb fokussieren sie sich zu ihrem eigenen Schutz oft auf Einzelheiten, wie z.B. den Faden in ihrer Hand, das Rad an einem Auto oder das anhaltende Laufen im Kreis.

Diese Verhaltensweisen bedeuten aber nicht, dass das Kind keine anderen Fähigkeiten oder Bedürfnisse besitzen würde. Um sie auszudrücken, braucht es jedoch Menschen, die seine Schwierigkeit verstehen und ihm ein besser geordnetes Umfeld, mehr Sicherheit und Geduld anbieten.

2. Die Therapeutische Beziehung ist die Basis zum Lernen

Die Schwierigkeit autistischer Kinder liegt gerade im Bereich des Sozialen Miteinanders und der Kommunikation. Warum betrachten wir die Beziehung dennoch als die wichtigste Grundlage unserer Arbeit?

Unserer Erfahrung nach hat jedes autistische Kind, so sehr es auch auf die Welt der Gegenstände fokussiert zu sein scheint, ein Bedürfnis nach Kontakt. Es braucht wie alle anderen Kinder Menschen, die ihm Zuneigung geben, die ihm Sicherheit vermitteln und die seine wichtigsten Bedürfnisse erfüllen können.

Um eine Beziehung aufzubauen, muss das Kind uns als verlässliche Partner kennen lernen, die ihm durch äußerst einfache, angepasste und wiederkehrende Kontaktangebote zunächst einmal Verlässlichkeit vermitteln. Je mehr das Kind unsere Angebote einschätzen kann und als solche wiedererkennt, entwickelt es auch Freude am Miteinander und fühlt sich in unserer Gesellschaft wohl. Wenn Sicherheit und Wohlbefinden in der Beziehung hergestellt sind, kann das eigentliche Lernen beginnen.

3. Aktive Teilhabe am Leben in der Familie und im Umfeld ist das Ziel

In der frühen Förderung autistischer Kinder bleibt das Wahrnehmen, Verstehen und miteinander in Kontakt treten oft für längere Zeit das erste Behandlungsziel. Wir möchten, dass Therapeuten, Eltern und Umfeld zumindest für bestimmte Zeiten des Tages (unter Einsatz ihrer ungeteilten Aufmerksamkeit) mit dem Kind auf für alle angenehme Weise miteinander interagieren können.

Gemeinsame Spielhandlungen und der präverbale Austausch dabei (z.B. durch Gesten, Geräusche, rhythmische Handlungen oder Blickkontakte) werden dabei oft wiederholt und ritualisiert, bis das Kind ein aktiver Partner im Spielgeschehen wird. Wenn das Kind zeigen kann, was es möchte und wie lange es dies möchte, wird sein Umfeld auch passgenauer reagieren und es wird weniger Gründe haben, das Nachbarskind zu beißen oder unter den Tisch zu fliehen.

Ob Sprache erlernt wird, welcher Art die Kommunikationshilfen sind (Gesten, Bilder, Symbole, elektronische Medien) und welche Handlungskompetenzen Schritt für Schritt erworben werden, hängt von Alter, Kognition und Entwicklungsstand des Kindes ab.

In der Autismus-Therapie werden vor allem die Grundlagen zum Lernen (Sicherheit, Wohlbefinden, Kommunikationsfähigkeit, Lernfähigkeit) erworben und das weitere Lernen im Lebensumfeld des Kindes unterstützt.

C. Therapeutische Umsetzung

1. Das Therapeuten-Team

Unser Therapeuten-Team in der Autismus-Therapie für Kinder besteht zurzeit aus einer Diplompädagogin, einer Frühpädagogin, einer Psychologin und einer auch pädagogisch fortgebildeten Ergotherapeutin. Die Mitarbeiter/innen verfügen alle über spezielle Aus- und Weiterbildungen im Bereich der Förderung autistischer Kinder.

In der Autismus-Therapie ist bei uns jeweils eine Therapeutin die verantwortliche Bezugsperson für Kind und Familie. Wir versuchen aber, ihr zusätzlich immer eine zweite Therapeutin zur Seite zu stellen, die das Kind kennt und die in den Therapieprozess einbezogen ist. Das hat den Vorteil, dass die zweite Therapeutin in Urlaubs- oder Krankheitsfällen vertreten kann und der verantwortlichen Therapeutin für Reflexion und fachlichen Austausch zur Verfügung steht.

2. Die Therapieziele

Die Therapieziele im Rahmen der Autismus-Therapie gliedern sich in die unmittelbar Kind- bezogenen Ziele, die Ziele in der Elternberatung und die Ziele in der Umfeld Beratung (in Kita und Schule). Da es unmöglich ist alle Ziele gleichzeitig zu erreichen, werden die konkreten Therapieziele nacheinander bearbeitet.

a) Kind - bezogene Therapieziele:

  • Verstehen des Kindes durch Verhaltensbeobachtung (dominante Verhaltensweisen, Interessen und Emotionen, Auslöser für Überforderungszeichen und Bewältigungsstrategien)
  • Kontakt- und Beziehungsaufbau (dem Kind ermöglichen, Freude am Miteinander zu entwickeln, Kontaktangebote anzunehmen und selbst Kontakt zu initiieren)
  • Ausweitung der Interessen und Handlungskompetenzen (Alternativen schaffen für stereotype Beschäftigungen im für das Kind akzeptablen Maße)
  • Erweiterung der Kommunikativen Fähigkeiten durch Gebrauch von Gesten, Unterstützter Kommunikation und Spracherwerb.
  • Selbstbestimmung und Teilhabe an der Gemeinschaft (durch die zunehmende Fähigkeit, Bedürfnisse und Überforderungen sozial verträglich auszudrücken und das eigene Umfeld zu beeinflussen)
  • Abbau von herausfordernden Verhaltensweisen wie Aggressionen, Auto-Aggressionen oder anhaltendem Schreien (durch das Erlernen alternativer Bewältigungsstrategien)

b) Ziele in der Elternberatung:

  • Aufklärung der Eltern über die gestellte oder vermutete Diagnose
  • Begleitung der Eltern im Verarbeitungsprozess der Behinderung ihres Kindes
  • Hilfe beim Erkennen und Verstehen Autismus-spezifischer Verhaltensweisen
  • Beratung bei der Bewältigung von Alltagsproblemen (Essen, Schlafen, Rausgehen, Konflikte mit Geschwistern)
  • Beratung bezüglich kommunikations- und lernfördernden Umganges
  • Unterstützung im Umgang mit herausfordernden Verhaltensweisen
  • Unterstützung der Eltern in Krisenzeiten

c) Ziele in der Umfeld - Beratung:

Die erste Herausforderung ist es hierbei Gesprächspartner aus dem Umfeld des Kindes (Erzieher, Lehrer o.a.) zu finden, die die notwendige Zeit finden, mit uns ein Fall-Team zur Unterstützung des autistischen Kindes zu bilden.

Als Nächstes sollten der zeitliche Umfang der Zusammenarbeit und erste Ziele vereinbart werden. Dabei sind uns folgende Dinge besonders wichtig:

  • Die Beobachtung und gemeinsame Interpretation kindlicher Verhaltensweisen (Interessen, Emotionen, Ressourcen,) um im Fall-Team ein gemeinsames Verständnis des Kindes, eine gemeinsame Sprache und gemeinsame Ziele in der Arbeit mit dem Kind zu benennen
  • Überforderungszeichen und ihre Auslöser erkennen (z.B. zu laute Geräusche, zu helle Lichter, zu diffuse Kontaktaufnahmen etc.), um im Fall-Team über mögliche Hilfen (wie Ohrstöpsel, ruhige Ecken, klare Bezugspersonen etc.) zu beraten
  • Unterforderungszeichen erkennen (z.B. stereotype Beschäftigungen mangels passender Beschäftigungsangebote), um im Fall-Team über geeignete Spielangebote und Lernanlässe nachzudenken
  • Strukturierungshilfen im Tagesablauf installieren (z.B. durch TEACCH), die dem Kind Situationswechsel (Essen, Anziehen, Rausgehen etc.) erleichtern
  • Gemeinsames Vorgehen bei herausfordernden Verhaltensweisen und in Krisensituationen im Fall-Team vereinbaren

d) Zielplanung und begleitende Maßnahmen:

Bei der Menge von Aufgaben und Herausforderungen können manchmal nicht nur das autistische Kind, seine Familie und sein Umfeld an die Grenzen ihrer Belastbarkeit kommen, sondern genauso auch die verantwortlichen Therapeuten.

Es erfordert ein umfangreiches Fachwissen und entsprechende Erfahrung, die zunächst überwältigende Anzahl von Zielen im Sinne der KLEINEN SCHRITTE in realistisch erreichbare Feinziele zu ordnen. Lernen braucht Erfolgserlebnisse und wenn man das Lerntempo eines autistischen Kindes oder die Belastbarkeit seines Umfeldes überschätzt, können neue Belastungen und Frustration erzeugt werden. Wir brauchen aber Motivation, Spaß an der Arbeit und einen langen Atem bei allen Beteiligten, um auch über mühsame Wegstrecken hinweg Erfolge zu erzielen.

Neben Fachwissen und Erfahrung ist für den Erfolg der Arbeit die Zeitressource ausschlaggebend, die den Therapeuten für Zielplanung, Vorbereitung, Reflexion und fachlichen Austausch zur Verfügung steht. Im Vertrag für Autismus-Therapie wird diese Arbeit als „Indirekte personenbezogene Leistungen“ beschrieben (Auszug aus dem Vertrag mit der BASFI über Autismus-Therapie):

  • Dokumentation und Evaluation der Hilfen gemäß Rehabilitationsplan
  • Berichterstattung an den Sozialhilfeträger
  • Erstellung eines integrierten, personenzentrierten und fallbezogenen Hilfeplans unter Beachtung der Leistungen vorrangiger Kostenträger
  • Anpassung des Hilfe- bzw. Therapieplans an den Fortschritt der Rehabilitation
  • Vor- und Nachbereitung von Therapie- und Beratungssitzungen
  • Beantragung, Erstellung und Anpassung individueller Materialien der Unterstützten Kommunikation für Therapie und Alltagsstruktur
  • Anleitung von Integrationshelfern
  • Kontakt zu anderen am Hilfeprozess beteiligten Stellen
  • Erstellung, Analyse und Auswertung von fallbezogenem Videomaterial
  • Fallbesprechungen
  • Fallbezogene Reflexion therapeutischer Fragestellungen

3. Die Therapeutischen Methoden

Im Rahmen der Autismus-Therapie für Kinder werden von uns folgende Therapeutische Methoden angewandt:

  1. Aufmerksamkeits-Interaktions-Training zur Erlangung, Fokussierung und interaktiven Nutzung der Aufmerksamkeit des Kindes
  2. Sensorische Integrationsbehandlung, angepasst an die strukturgebenden Erfordernisse autistischer Kinder, zur verbesserten Integration der Körper- und Sinneswahrnehmungen
  3. Verhaltenstherapeutische Methoden als Hilfe zum strukturierten Lernen
  4. Heilpädagogische Methoden zur Erweiterung der Handlungskompetenz, zur Vermeidung vorhandener Stereotypien und zum Erlernen von Imitation, Variation und Wechselseitigkeit im Spiel
  5. Unterstützte Kommunikation zur Verbesserung der Ausdrucks- und Kommunikationsfähigkeit
  6. PECS (Picture Exchange Communication System) zur Kommunikationsförderung über Bildsysteme)
  7. TEACCH (Treatment and Education of autistic and related Communication handicapped Children) zum Erlernen von Handlungsplanungen und der erfolgreichen Bewältigung von Alltagsstrukturen
  8. Sprachtherapeutische Methoden zur Verbesserung des Sprachverständnisses und des Spracherwerbs
  9. Psychologische und spieltherapeutische Methoden als Hilfe zur Bewältigung innerer Konflikte

D Schlussbemerkung

Das obige Konzept ist ein Konzept in Entwicklung. Durch die Auswertung unserer eigenen Erfahrungen und Arbeitsergebnisse, durch neue Erkenntnisse im Bereich der Autismus-Forschung sowie durch veränderte institutionelle Rahmenbedingungen werden wir unser Konzept in Zukunft an die Entwicklungen anpassen.