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Was Kinder z a p p e l i g   macht

erschienen im KinderBranchenbuch Hamburg 2005 zum sogenannten Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom / ADS


Gründe für Zappeligkeit, Konzentrationsmangel und Unruhe gibt es fast so viele wie Kinder, die unter diesem Syndrom leiden. Wie wir alle aus eigener Erfahrung wissen, können unterschiedlichste Störfaktoren (von Krankheiten oder Handikaps über seelischen Kummer bis zu Stress) unsere Fähigkeit, aufmerksam zu sein, beeinträchtigen  Viel einfacher ist es deshalb, sich die Frage umgekehrt zu stellen: Was brauchen Kinder, um innere Ruhe zu finden und sich aufmerksam und konzentriert einer sinnvollen Beschäftigung widmen zu können?

Wie Babys lernen ...

Wenn ein Säugling mit den Händen das vertraute Gesicht berührt, sich beugen und strecken, sich drehen und wenden, sich nähern und wieder entfernen lernt, so erschließt sich ihm auf diese Weise nach und nach der ganze Reichtum menschlichen Handelns und menschlicher Kommunikation.

Auf dem Bauch liegend, erobert das Baby die Welt um sich herum. Es ist mit allen Sinnen nach außen gerichtet, kann entdecken, erkunden, sich vorwärts bewegen. - Zurück in der Beugung kehrt Ruhe ein. Sich sammeln, zentrieren, die eigene Mitte finden. Nur wer sich selber spürt, lernt auch, für andere aufmerksam zu sein. Wenn Beides gelingt, der Kontakt nach innen und der Kontakt nach außen, stellt sich Zufriedenheit ein. 

Und die Entwicklung geht weiter. Ein Spielzeug wird ergriffen und von oben nach unten, von links nach rechts balanciert. Die Augen verfolgen das eigene Spiel. So übt sich Geschicklichkeit mit Händen und Augen (was wir später zum Lesen brauchen), und vor allem, mit allen Sinnen bei einer Sache zu sein.

Bald dreht sich das Baby. Während es munter von einer auf die andere Seite kullert, erfährt es, die Welt aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Und so gewinnt man spielend die wichtigste Grundlage für jede Konfliktlösungs-Kompetenz.

Wenn der Säugling als nächstes seinen Standort im Raum verändert, beginnt er, allem Fortschrittsglauben zum Trotz, zunächst im Kreis um sich selbst zu robben. Erst wenn der Kreis erprobt ist und wir sicher sind, der Mittelpunkt unseres eigenen Wirkens zu sein, geht  die Wanderung weiter. Vorwärts und rückwärts. Nach vorne treiben uns Neugierde und Entdeckungslust an. Rückwärts vergewissern wir uns der Kontinuität und Sicherheit.

... wenn alles gut geht ...

Voraussetzung für alle diese Meilensteine bleibt, dass es in der Umgebung des Kindes genug Erfreuliches zu entdecken gibt. Und die jeweils neueste Errungenschaft will im wohlwollenden Dialog beachtet und beantwortet sein.

Doch auch in diesem Fall verläuft nicht jede Entwicklung gleich. Es gibt Babys, die sich schwerer als andere an ihre neue Lebenswelt  gewöhnen. Sie schrecken bei jedem Geräusch zusammen, sind selten kuschelig (weil meistens überstreckt), schreien viel und haben die größten Schwierigkeiten, sich wieder zu beruhigen. Nun kommt es darauf an, ob Eltern und Kind das Kunststück gelingt, trotz allem gemeinsam zu Ruhe und Verständigung zu finden, - oder ob ein negativer Kreislauf aus Unruhe, gegenseitiger Verunsicherung und Frustration beginnt. 

... und was Große manchmal auch nicht können

Wenn Kinder Probleme haben oder wir mit ihnen, dann gibt es immer auch etwas, das sie besonders gut beherrschen. Sie ziehen sich über Stunden mit einem Puzzle zurück: Voller Ausdauer sitzen sie still bei der Sache, wovon andere Eltern nur so träumen. Oder sie können reden: Ohne Punkt und Komma Geschichten erfinden, Pläne machen, einen ganzen Hörsaal spielend unterhalten. Oder rennen können sie: Durch die Gegend flitzen, von morgens bis abends und immer alles auf einmal tun.

Was sie in der Regel nicht können, ist der Wechsel von einem zum anderen. Sie haben nicht die Wahl, mal langsam und mal schnell, mal leise und mal laut zu sein. Sie können sich nicht einstellen auf die wechselnden Bedürfnisse von innen und von außen, sich anpassen an eine veränderte Situation. Was ein Kleinkind im täglichen Dialog lernen kann, das Sich-Einstellen, das Dosieren, das Sich-Selbst-Regulieren, - können viele Sechsjährige und manche  Zehnjährige noch nicht.

Damit wir spielen und lernen können, brauchen wir zunächst einmal eine gute Idee. Als nächstes benötigen wir eine zeitliche und räumliche Ordnung, um einen schrittweisen Handlungsplan zu erstellen. Um ihn schließlich auch ausführen zu können, fehlen uns noch motorische Geschicklichkeit, die nötige Ausdauer und Konzentration.

Wer mit den Füßen noch im Wohnzimmer und mit den Augen schon den Flur hinaus ist, wer von einer Idee zur anderen stolpert und wem ein Raum voller Spielsachen bald langweilig wird, dem fehlt es an einer dieser Fähigkeiten. Die Idee mag gut sein, aber der Plan chaotisch. Oder der Plan haut hin, aber die Ausführung scheitert. Dann wird über alles nur flüchtig hinweggehuscht, mit hohem Tempo und vielen Aufforderungen (an andere) - statt es selbst zu gestalten, zu erproben, sich anzueignen.  

Die berühmte Aufmerksamkeit

Wer einem Kind beim Lernen helfen will, ob als Eltern, Pädagoge oder Therapeutin, muss es bekanntlich dort abholen „wo es ist“. Und das bedeutet, wo sein Interesse und seine Aufmerksamkeit sind. Wenn ein Baby schreit, hilft es selten, die laute Rassel noch lauter vor seinem Gesicht zu bewegen. Wenn ein Kind auf die Aufforderung „Lass das bitte“ schon lange keine Reaktion mehr zeigt, nützt es gar nichts, auf dem selben Kanal wieder und wieder zu funken.

Es hilft, wie ein einfacher Grundsatz besagt, nicht “Mehr vom Selben“. Statt mit  lauten Tönen können wir es aber mit leisen versuchen, statt mit Worten mit Berührung, statt mit Herumlaufen mit Ruhe oder statt mit bunten Lichtern mal mit sanfter Dunkelheit. Und plötzlich folgt dann ein Innehalten, ein fragender Blick, ein offenes Ohr und die Möglichkeit, in aufmerksamem Kontakt zu sein.

Denn ohne Aufmerksamkeit geht gar nichts. Sie ist selbstverständlich auch Voraussetzung für jede Therapie. Wenn sie hergestellt ist, lässt sich die Auswahl der Dinge, auf die sich ein Kind konzentrieren kann, langsam erweitern. Zu dem leisen Ton kommt vielleicht ein Klatschen, zum Klatschen eine Bewegung ... und so beginnt ein rhythmisches Spiel. Variationen werden möglich, längere Zeiträume werden durchgehalten und durch Pausen entsteht eine geordnete Struktur.

Später lernen die Kinder auch Geräusche im Hintergrund, verschiedene Lichter oder Ablenkungen zu verkraften, ohne dass der Faden der Aufmerksamkeit wieder reißt. Solange aber sind strikt die goldenen Regeln zu befolgen: „Rhythmen, Regeln und Rituale“ – oder anders ausgedrückt: Geordnete Zeitabläufe, begrenzte Räume, klare Regeln und Reduzierung der Reize und Informationen, die zu verarbeiten sind.

Ein Tipp zum Schluss

Wenn ein Kind trotz dieser Hilfen sein Gleichgewicht nicht findet, ihm innere Ordnung und folglich auch Flexibilität und Wahlmöglichkeiten fehlen, dann kann es nützlich sein, Hilfe von außen zu suchen. Zu Skepsis rate ich bei allen schnellen Erfolgsrezepten, ob medikamentöser oder therapeutischer Art. Entwicklung braucht Zeit. Und am Besten geht es gemeinsam. Besprechen Sie mit Ihren Ärzten oder Therapeuten genau, welche Veränderungen Sie für Ihr Kind erhoffen. Gehen Sie Schritt für Schritt vor und überprüfen Sie einen spürbaren Erfolg. So bleiben Sie nah bei Ihrem Kind und die Verantwortung für sein Wohlergehen bleibt in Ihrer Hand.

Die Autorin Karen Lipp arbeitet in der Praxis für Kindertherapie Harburg.


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